Architektenhonorar – Auskunftspflicht des Auftraggebers zu den anrechenbaren Kosten

Der Architekt erstellt die Schlussrechnung über sein Honorar auf der Grundlage der anrechenbaren Kosten. Was aber macht der Architekt, wenn ihm – aus welchen Gründen auch immer – die anrechenbaren Kosten nicht bekannt sind? Hier stellt sich die Frage, ob den Auftraggeber gegenüber dem Architekten eine Auskunftspflicht über die anrechenbaren Kosten trifft und – wenn ja – wie er dieser Auskunftspflicht hinreichend genügt. Mit genau dieser Problematik hatte das OLG München sich in seinem Urteil vom 07.08.2012 (Aktenzeichen: 9 U 2829/11) zu beschäftigen.

Im zu Grunde liegenden Fall war die Architektin im Rahmen eines größeren Bauvorhabens zunächst lediglich mit den Leistungsphasen 1 des 8 bezogen auf die Untergeschosse, das Erdgeschoss und die Etagen 1-6 beauftragt worden. Erst später wurde der Auftrag auch auf die übrigen Etagen 7-11 erweitert. Nach dem Architektenvertrag waren erhebliche Teile der Kostenermittlung von der Architektin nicht geschuldet. Dies mag der Grund dafür gewesen sein, dass die Architektin zwar Rechnungen der Baufirmen geprüft hat – diese dann aber ohne Kopien anzufertigen an den Auftraggeber weitergeleitet hat. Jedenfalls lagen der Architektin schlussendlich nicht sämtliche Unterlagen vor, die sie benötigte, um die anrechenbaren Kosten zu ermitteln, welche wiederum die Grundlage ihrer Honorarrechnung waren. Weil der Auftraggeber sich diesbezüglich unnachgiebig zeigte, verklagte die Architektin ihn zur Vorbereitung ihrer Honorarrechnung auf Erteilung einer Auskunft über die anrechenbaren Kosten – mit Erfolg:

Aus dem vertraglichen Anspruch auf Honorar und der Unkenntnis über die angefallenen Kosten ergebe sich eine vertragliche Auskunftspflicht des Auftraggebers gegenüber dem Architekten zu den anrechenbaren Kosten. Nur eine solche Auskunftspflicht trage dem vertraglich begründeten Informationsbedürfnis des Architekten hinreichend Rechnung. Insbesondere könne der Architekt nicht darauf verwiesen werden, die möglichen anrechenbaren Kosten zu schätzen, weil solche Schätzungen stets mit einem Unsicherheitsrisiko behaftet seien, welches aber nicht zulasten des Architekten fallen dürfte. Gerade im konkreten Falle sei es nicht möglich, die Kosten einer Etage 1:1 auf andere Etagen zu übertragen, weil die einzelnen Stockwerke durchaus erhebliche Unterschiede aufweisen können – so das Oberlandesgericht München wörtlich.

Nur durch die Auskunft werde der Architekt in die Lage versetzt, korrekt abrechnen zu können.

Dabei liege es aber im Ermessen des Auftraggebers, wie er seiner Auskunftspflicht nachkommen wolle. Dies könnte durch Überlassung einer geordneten Übersicht oder aber auch durch Gewährung von vollständiger Einsicht in sämtliche vorhandenen Rechnungen der Baufirmen geschehen. Allerdings müsse der Architekt eine solche Rechnungsablage so hinnehmen, wie sie ist. Wenn der Auftraggeber sich dazu entscheide, seiner Auskunftspflicht dadurch nachzukommen, dass er dem Architekten in seinen eigenen Räumen Einsicht gewährt, so müsse ausreichend Zeit eingeräumt werden. Auch müsse es dem Architekten ermöglicht werden, die Unterlagen zu kopieren – jedenfalls dann, wenn der Architekt ein eigenes Kopiergerät mitbringt.

Selbst wenn der Auftraggeber eigene Kostenübersichten angefertigt habe, stehe dem Architekten diesbezüglich kein Einsichtsrecht zu – die Art und Weise, wie der Auftraggeber seiner Auskunftspflicht genügt, liege allein in seiner eigenen Entscheidung.

Diese Entscheidung lehrt, dass es sich lohnen kann, hartnäckig zu bleiben, auch wenn der Auftraggeber sich beharrlich weigert, Auskunft über die anrechenbaren Kosten zu erteilen. Sichern Sie sich gegebenenfalls fachlich versierten Rat!

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Über Rechtsanwalt Jochen Harms

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